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Anmerkungen und -maßungen
zu Leben, Sprache, Literatur 2004
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22.12.04 . Verheißungsvoller Buchtitel: 'Schwangerschaft für Dummies'. Aber leider nur ein Ratgeber wie andere auch.
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22.12.04 . Das Aussterben der Spätzünder
Viele gute Bücher verbreiten sich allein durch Mundpropaganda begeisterter Leser.
Im Gegensatz zum Bestseller werden diese Bücher nicht von vielen gleichzeitig, sondern eher nach und nach, ein Leser nach dem anderen, gelesen.
Buchhandelsketten gewähren diese Lesezeit nicht mehr: was sich nach drei oder sechs Monaten nicht bewährt hat, fliegt aus dem Laden und der einfachen oder zufälligen Verfügbarkeit.
Entweder zündet ein Buch sofort oder nie. Der Longseller, der nie ein Bestseller war, stirbt aus. Der Schriftsteller, der ein Spätzünder ist, stirbt mit.
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17.12.04 . »1933 strich ein Münchner Beamter in Hitlers Steuerakte die Berufsbezeichnung 'Schriftsteller' durch und ersetzte sie durch 'Reichskanzler'.«
(gefunden bei Spiegel Online, 16. Dezember 2004)
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29.11.04 . Der Autor soll nicht bloß beschreiben, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht.
Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu beschreiben, was er vor sich sieht.
(in Abwandlung eines Zitats über Maler von Caspar David Friedrich, um 1830)
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28.11.04 . »Den Menschen aus der Seele zu schreiben -: das könnte eine Aufgabe sein.
Aber dass wir den Kunstkaufleuten aus der Seele schreiben -: das kann Gott nicht gewollt haben.«
(Peter Panther alias Kurt Tucholsky, 1932)
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17.11.04 . Schriftsteller sind verrückt nach Aussichten, nach hohen Plätzen - es ist wie in ihren Geschichten, wo ihre Welt winzig und ganz vor ihnen ausgebreitet liegt
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17.11.04 . Mein derzeitiger Lieblingssatz, sehr trocken im Abgang:
»Ein ganzes Arbeitsleben hat Rath als Ingenieur für einen Automobilzulieferer gearbeitet, er gilt als Vater der Scheibenbremse.«
(gefunden in der ZEIT Nr. 47/04)
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15.11.04 . In der Medienflut heutzutage gehört dem aufstrebenden Künstler oder Literaten nicht mehr die Frage gestellt, welche Dinge und Menschen ihn beeinflussten.
Man muss ihn fragen, welchen Einflüssen er sich entziehen konnte.
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12.11.04 . »Die tollen Rollen und Preise, die du bekommen hast, können dich ganz schön einlullen.
Du beginnst eine bestimmte Routine herunterzunudeln. Nur wenn du dich vor einer Aufgabe fürchtest, bleibst du frisch im Kopf. Angst ist sehr gesund.«
(Denzel Washington im Interview von Spiegel Online, 12.11.04)
Das sollte sich auch manch erfolgreicher Schriftsteller aufs Tapet schreiben: Angst haben vor dem nächsten Buch, der nächsten leeren Seite.
Die Angst habe ich schon mal, fehlt nur noch der Erfolg ...
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11.11.04 . Einen Text zu überarbeiten, ist eine Aufgabe für Chirurgen. Die Kunst ist es, totes und nutzloses Gewebe zu entfernen.
Geht ein Schnitt zu tief, schmerzt es Text und Leser, geht ein Schnitt viel zu tief, stirbt der Text, der Leser wendet sich ab.
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11.11.04 . Späte Genugtuung?
Nach der Verbrennung etlicher Bücher durch Anhänger der Nazis im Jahre 1933 durften die noch lebenden Autoren entarteter Literatur nach der Befreeiung Deutschlands mit grimmer Genugtuung zur Kenntnis nehmen, dass im Frühjahr 1945 und vermutlich in weit größerer Anzahl die meisten Exemplare von Hitlers 'Mein Kampf' das Ende in den Flammen fanden.
Mit diesem Machwerk auf seinem Bücherregal wollte keiner von Besatzern und gerecht zornigen Entnazifizierern erwischt werden.
Die schwereren Bürden ließen und lassen sich nicht so leicht beseitigen.
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08.11.04 . Schreiben ist die Fortsetzung des Redens mit anderen Mitteln.
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08.11.04 . Warum gibt es nicht auch von Romanen regelmäßig verbesserte Versionen, zum Beispiel 'Das Parfüm 2.0' (in Version 2.01 wurden einige Rechtschreibfehler verbessert)?
Bei manchen Romanen hat man das Gefühl, als Beta-Tester eingesetzt zu werden, so schlecht sind sie.
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07.11.2004 . »Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.«
(Franz Kafka)
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28.10.04 . Die Schreiber, die aus einem Aphorismus einen Roman blähen, sind deutlich in der Überzahl gegenüber jenen, die den umgekehrten Weg gehen.
(Ob ich aus diesem Aphorismus einen Roman machen sollte?)
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»Durch das 'körperliche Erlebnis' der Schreibhandlung eigne man sich schriftliche Ausdrucksfähigkeit an. (...) Schreiben ist eine Tätigkeit der Hand, egal, ob nun mit der Feder, einer Computertastatur oder einem Handy.
Diese ausgeübte Motorik wirkt beim Schreiben auf unser Denken zurück, was das Sprachverständnis insgesamt festigt.
(...) und da Schreiben Erleben sei, entwickle jeder Schreiber zu seinem Produkt eine emotionale Bindung.«
(Hans Ruef, Prof. f. dt. Linguistik, zit. nach DIE ZEIT Nr. 44/04, Die Globalisierung des Simsens)
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22.10.04 . Ein Foto ist gelungen, wenn man in es hineintritt und durchatmet. Eine Geschichte ist gelungen, wenn sie einen hineinzieht und nicht zu Atem kommen lässt.
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22.10.04 . Korrekt, aber sonderbar: »Im März emigrierte er nach Spanien, floh nach Ausbruch des Bürgerkriegs nach Frankreich, wo er bis zu seinem Tod lebte.«
Wo er bis zu seinem Tod lebte ...
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21.10.04 . Ein Vergnügen ist mir immer wieder das Zusammenprallen nicht zueinander passender Stile in einem Artikel. Ein Klischee an der richtigen Stelle sorgt für die ungewollte Komik. So wie hier:
»Im August 1997 bedrohte er eine Gastwirtin in Essen mit einer Gaspistole und prügelte sich anschließend mit der Polizei.
In den vergangenen Jahren war es still um ihn geworden.»
(aus: Spiegel Online vom 21.10.04)
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20.10.04 . »Erzählen heißt am Leben bleiben.«
(Elke Heidenreich)
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18.10.04 . Erst wenn die Großverlagsdinosaurier und Buchhandelswale den Buchmarkt kaputt gewettbewerbt haben, wird das einzelne Buch wieder wichtig sein.
Freuen wir uns darauf.
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18.10.04 . Hirnforscher haben jetzt bewiesen, wie erheblich Sprache unser Leben bestimmt:
Bei zweisprachig aufgewachsenen Menschen etablieren sich weit mehr Vernetzungen im Gehirn.
Was man damit anfängt, ist eine andere Frage.
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15.10.04 . »Ich warte darauf, dass jemand etwas sagt, das kühn und wahr ist, und nicht nur eine Meinung oder ein Zitat für die Abendnachrichten. (...)
Ich glaube, die einzige Situation, in der im Fernsehen wahre Ereigniss stattfinden, ist der Augenblick, in dem jemand völlig überrascht wird.«
(Tom Hanks im Interview, DIE ZEIT Nr. 43/04)
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14.10.04 . »The idiot's version of speaking a foreign language: shouting.«
Dan Simmons, Ilium
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13.10.04 . Auch heißt besser schreiben, an seinem Werke sitzen bleiben.
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13.10.04 . Kürzlich habe ich mein neues Lieblingswort in einer Zeitung gefunden: Grasskiass. Erkennen Sie auf Anhieb, um was es sich handelt?
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01.10.04 . Eine Fortsetzung zu schreiben (zu drehen), heißt, der Sehnsucht der Leser nachzugeben - ein sicherer Erfolg ebenso wie eine sichere Enttäuschung.
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17.09.04 . Sie haben eine Idee für einen Roman? Immerhin.
Für einen dünnen Roman von 100.000 Wörtern brauchen Sie etwa 100.000 Ideen.
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27.08.04 . Ein guter Schriftsteller macht aus einer Ahnung mehr als andere aus ihrem Wissen.
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20.08.04 . »Das Leben schien totenstill zu stehen, und das Gefühl der Einsamkeit war tief und erfrischend.«
(Robert Louis Stevenson, Über die Südsee)
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20.08.04 . Das Gute an der Diskussion um die Rechtschreibreform: Sprache wird diskutiert, bekommt Aufmerksamkeit. Das Schlechte: Sprache ist, wie schon in der Schule, der Feind.
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19.08.04 . Die meisten Autorengruppen sind wie Blümchensex: spießig, ganz nett und wärmend fürs Gemüt.
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18.08.04 . Zwischen dem Finden des richtigen Wortes und dem akzeptieren des beinahe richtigen besteht ein ebenso großer Unterschied wie zwischen vom Blitz getroffen werden und ein Gewitter beobachten.
(Dan Simmons, Hyperion, eig. Üb.)
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18.08.04 . Romanautoren beneiden ihre Leser um das Gefühl, vor einer Geschichte zu sitzen und nicht zu wissen, wohin sie sie führen wird.
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18.08.04 . »Was die Terroristen gewinnen, verlieren die Schriftsteller. Was sie an Einfluss auf das Bewusstsein der Massen hinzugewinnen, verlieren wir als Gestalter von Sensibilität und Gedanken.«
(Don DeLillo, Anschläge auf das Denken, Literaturen 10/03)
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09.08.04 . »Hässliche Wörter können keine Magie ausüben.«
(Gabriele Killert)
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06.08.04 . Ein Schriftsteller macht etwas aus Banalitäten. Ein Beispiel: 'Meine Mutter kommt zu Besuch.'
Jeder gähnt, der Schriftsteller denkt: Wieso nur die Mutter? Wo ist der Vater? Hat sie ihn umgebracht? Oder gibt es ein Zerwürfnis mit der Mutter, dass ihr Besuch anscheinend etwas Besonderes ist?
Demnächst besuchen wir übrigens meine Mutter.
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03.08.04 . »Auch Wörter sind Mitgeschöpfe. (...) Was ist mit schutzbedürftigen Wörtern? Bewahrt die denn niemand?«
(Gabriele Killert, Wörtercreme gegen Falten, DIE ZEIT Nr. 32/2004)
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03.08.04 . »Eine Rede ist keine Schreibe.«
(Peter Panther alias Kurt Tucholsky)
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22.07.04 . Es gibt einen Hunger der Sprachverbraucher nach neuen Wörtern. Sie saugen sie aus, bis nur noch die Hülle übrig ist.
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22.07.04 . »In the beginning was the word. Then came the fucking word processor. Then came the thought processor. Then came the death of literature.«
(Dan Simmons, Hyperion)
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22.07.04 . Ich würde gerne einfacher schreiben, aber ich fürchte, damit überfordere ich meine Leser.
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15.07.04 . »In Büchern nach den Menschen suchen, sollte ich deswegen für eine schlechtere Arbeit halten, als selbst beobachten, weil die wenigsten im Stande sind, den Menschen, so wie er ist, zu Buch zu bringen.«
(Georg Christoph Lichtenberg)
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»Es hat eine Zeit gegeben, da war es für einen Schriftsteller noch eine Ehre, wenn man ihn einen Psychologen genannt hat.«
(Georg Klein, Aus einem kleinen Kanon schlechter Bücher, FR, 3.3.2001)
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12.07.04 . »Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen. Aber was ist mit solchen Klarheiten gewonnen?«
(Wolfgang Schneider, Das sadistische Universum, Literaturen 7-8/2004)
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10.07.04 . Werbetexter sind das Salz der Sprache! Ein Optiker warb heute in den BNN mit einer bebrillten Brünetten in Unterwäsche - und dem Wort 'Gesichtsdessous'.
Dazu reicht er 'Bohrbrillen', was immer das ist, jedenfalls kein schönes Wort.
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10.07.04 . »Alles was unsere Schriftsteller noch zu schildern vermögen, ist etwas Liebe; und auch diese wissen sie nicht in die etwas entfernten Verrichtungen des menschlichen Lebens zu verfolgen.«
(Georg Christoph Lichtenberg)
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10.07.04 . Eine Sprache, die Wörter hervorbringt wie 'Schweinskopfsülze', verdient unsere Wertschätzung und Liebe.
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04.07.04 . »Reime sind Schweine, sie wollen immer nur das eine. Unreine Reime aber sind Keime, aus denen die Poesie blühen kann.«
(Ralph Dutli, Rossdung und Weltkultur, in: Literaturen 11/2002)
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04.07.04 . »Ein Buch, das dem Weltweisen gefällt, kann deswegen auch noch dem Pöbel gefallen. Der letzte braucht nicht alles zu sehen; aber es muß da sein, wenn etwa jemand kommen sollte, der das scharfe Gesicht hätte.«
(Georg Christoph Lichtenberg)
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30.06.04 . »In einer zunehmend globalisierten und vom Geld strukturierten Welt gilt das Erlernen fremder Sprachen nicht viel.
In einer Welt, in deren beherrschender Sprache 'Interest' nur noch mehr Geld bedeutet, klingt Mitgefühl wie ein fremdes Wort aus einer fremden Sprache.«
(Thomas Quinn, Eine Brücke über Babel, Future 2/2000: Sprache)
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30.06.04 . »Sprache gibt uns die Chance, über etwas zu sprechen.«
(Thomas Quinn, Eine Brücke über Babel, Future 2/2000: Sprache)
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28.06.04 . Was hat Hemingway Meisterwerke geschrieben - und all diese anderen Säufer!
Und was hätten sie wohl erst nüchtern zuwege gebracht.
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28.06.04 . »Das Unterträgliche ist, nachdem es durch die Pforte der Literatur gegangen ist, nicht erträglicher geworden.
Literatur ist - auch wenn einige ihrer eifrigsten Liebhaber nicht müde werden, dies zu verbreiten - keine Therapie.
Sie ist zur Lebensbewältigung denkbar untauglich. Im Gegenteil.
Sie bringt, gerade da, wo sie am gelungsten ist, Fragen hervor, die dazu geeignet sind, den Menschen um den Verstand zu bringen.«
(Iris Radisch, Die tote Tochter, DIE ZEIT Nr. 26 / 2004)
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21.06.04 . Ein herrliches Wort aus der Sprache der Insektenkundler: Schlüpfreiz.
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21.06.04 . »Literarischer Schund ist arm im Geiste und zehrt, dürftig und gierig zugleich, vom kindlich unbewussten Reichtum seiner Konsumenten.«
(Georg Klein)
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20.06.04 . Manche Autoren glauben, dass etwas, was nicht der Rede wert ist, der Schreibe wert sein könnte. Haben sie Recht, wirft das kein gutes Licht auf ihre Schreibe. Sicher ist: Der Lese wird es nicht wert sein.
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18.06.04 . Wie der Verein Deutsche Sprache e.V. sich um unsere Sprache bemüht, hat schon etwas Rührendes.
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16.06.04 . »Eigentlich habe ich nichts gegen das Schreiben. Einige der bedeutendsten Dichter haben - und ich wäre der letzte, der das leugnet - geschrieben.«
(Robert Gernhard, Mein Buch, dein Buch)
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11.06.04 . »Die Korrelation zwischen Viellesern und Wohlbefinden ist eindeutig.«
(Elisabeth Noelle-Neumann vom Institut für Demoskopie, Allensbach)
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11.06.04 . Endlich bewiesen - und geschäftlich ausgenutzt: Frauen finden Männer, die ein Buch lesen, attraktiver als Zeitungsleser oder Nichtleser.
Der englische Verlag Penguin macht daraus ein Geschäft: Wer als Mann mit dem 'Buch des Monats' herumläuft, kann Geld gewinnen - und eine Frau. Vorerst nur in England.
Mehr auf www.penguin.co.uk
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07.06.04 . Lieben Sie auch diese kleinen englischen Wörtchen, die sich so stil- und sinnvoll in unsere Sprache schleichen und sie nachhaltig aufwerten, verdeutlichen, einfach besser machen?
Ein nettes Beispiel lieferte die Zeitschrift FACTS mit einer Bemerkung über ein Buch von Henning Mankell: »Ein Must für Fans.«
Jedem ein wenig Gebildeten wird sofort klar, warum es Must heißen muss und nicht Muss. Ihnen nicht? Das spricht nicht gerade für Ihre Future Compatibility.
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04.06.04 . »Nie schreibst du das Buch, das du gern geschrieben hättest. Außer vielleicht, man ist Goethe.
Aber auch er hat im hohen Alter den Satz gesagt: Ich habe erst jetzt gelernt, zu lesen. Wenn ich ihn richtig verstehe, meinte er, dass wir immer so sehr in uns hineinlesen.
Vielleicht erst dann nicht mehr, wenn wir sehr alt sind.«
»Schreiben kann keine Lebensweise sein.
Das Wichtigste am Schreiben ist das Leben. Man muss so leben, dass das Schreiben daraus entsteht.«
(Doris Lessing, in: Bernadette Conrad, Eine Nomadin des Herzens, DIE ZEITLITERATUR Mai 2004)
Man muss? Man lebt. Und das Schreiben entsteht daraus. Oder auch nicht.
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03.06.04 . Ein besonders hübschhässliches Wort hat unser Innenminister vor einer Weile losgelassen:
'Asyl-Shopping'.
(Otto Schily, tagesschau 20:00, 29.4.04)
Hinter einer all zu gefällig-modernistischen Sprache versteckt man gerne überkommenes Gedankengut - und in diesem Fall auch ein bestimmtes Menschenbild.
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26.05.04 »Erinnern und vergessen sind die Basis des Schriftstellerdaseins.«
(Verena Auffermann, Die Schweiz als seliger Ort, in: LITERATUREN 3/2004, S. 43)
Und der Schriftsteller der einzige, der gleichermaßen sein gutes wie sein schlechtes Gedächtnis verflucht.
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19.05.04 . Gleichmäßige Reihen um Reihen von schwarzen Buchstaben auf weißem Grund: der Inbegriff der Ordnung.
Immer andere Kombinationen von Buchstaben und Wörtern, Seite um Seite: der Inbegriff des Chaos.
Ein gutes Buch ist das perfekte Zusammenspiel von Ordnung und Chaos.
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19.05.04 . »Die Schwächen seiner Lebenspraxis haben die Stärken seiner lyrischen Poesie vorbereitet.
Untätigkeit nährt die Träumerei, Ängstlichkeit steigert die Bedeutung des Unscheinbaren, Scheu vor dem Fremden sucht das Eigene zu bewahren,
Verzärteltheit entdeckt verborgene Seiten des Innern, Reizbarkeit schärft den Sinn für Nuancen, Nachgiebigkeit gegenüber den Launen des Augenblicks eröffnet unbekannte Stimmungen,
provinzielle Zurückgezogenheit verschafft lokale Bestimmtheit.«
(Heinz Schlaffer, Zauberfaden, luftgesponnen, DIE ZEIT Nr. 21 / 2004)
Was Eduard Mörike zugute kam, mag auch manch heutigem Autor vom Typ 'weltängstlicher Stubenverkriecher' als Ansporn dienen.
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14.05.04 . Der Mörder ist immer der Dichter.
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14.05.05 . Die Zimtkatze oder: Biografie der Gefühle
Autobiografisches Schreiben in allmende 73
Das literarische Ich wird derzeit heiß diskutiert, es sorgt für Skandale. Mal findet sich zu viel davon in angeblich fiktiven Romanen, mal zu wenig in angeblich authentischen Berichten. Umso spannender daher das aktuelle Heft der Literaturzeitschrift allmende mit dem Schwerpunkt 'Autobiografisches Schreiben'. Doch brauchen wir Autobiografien in einer Zeit, wo jeder vor allem sich selbst zum Thema hat? 'Vielleicht ist es auch nur ein Rettungsanker, wenn die fiktionalen Kräfte schwinden und die Bodenhaftung im Autobiografischen gesucht wird', bemerkt Matthias Spranger in einer Rezension. Die Autobiografie als Flucht vor der Fiktion? Am Ende gar als Erkennungszeichen von Literatur und Gegenpol zu gut erzählten, als 'trivial' verunglimpften Geschichten? Die Angst des Literaten vor dem Plot?
Hermann Kinders aufschlussreiches Essay zum autobiografischen Syndrom zieht sich als Leitfaden durchs Heft. Am phantasierten autobiografischen Schreiben schätzt er das Tänzeln auf dem Grat zwischen Lüge und Beichte. Spätestens seit Goethes Werther könne sich der Leser nur noch Erlebnisdichtung denken; da sei es konsequent, dass alle Literatur, auch die vor Werther, nur noch als Erlebnisbericht gelesen werde. Kinder lässt die Frage offen, ob das autobiografische Syndrom von gesellschaftlichen Brüchen und dem Kollaps der alten Sinn-Systeme hervorgerufen wird oder individuell immer wiederkehrt.
Jagoda Marinic spricht von der Angst, der Leser könnte die Wirklichkeit für mehr halten als einen ersten Stein, der die fiktive Geschichte ins Rollen bringt. Am Ende erzähle alles Schreiben von der Biografie der Gefühle des Autors.
Patrick Roth schaut in die Welt der Lebenden und der Toten und in einer lyrischen Geschichte einer Heimkehr denkt Erika Burkart zurück an Soldaten und an eine unbeantwortete Frage. Eva Berberichs begegnet der kleinen Lena und ihrer Verliebtheit in schöne Sätze und schöne Wörter ('Zimtkatze'), und Walter Helmut Fritz blickt dankbar auf die Rätsel des Lebens und auf das Doppelgesicht des Irrtums zurück.
Das Schreiben habe sie verändert, erzählt Freddy Hansmann. Heute fühle sie sich verloren, wenn sie schreibt, anstatt wie früher zu schreiben, weil sie sich verloren fühlt. Würde Qualität doch an Tränen gemessen, wünscht sie sich, und nicht an den Launen der Kritiker. Das klingt naiv, aber wunderbar, und ihr als Quotenjugendliche (geb. 1984) sei das erlaubt. Ja, wo bleiben die jüngeren AutorInnen in der allmende?
Eberhard Raetz erinnert sich an Herzschmerz, André Weckmann an den Zweiten Weltkrieg. Jürger-Peter Stössel versucht sich auf schwer fassbare Art an der Biografie, und Klaus-Dieter Diedrich sucht Selbstvergewisserung in seinen Erinnerungen; er findet 'Fiebertraumfragmente' und klingt - detailreich, banal, markenbezogen - reichlich aber sympathisch nach Pop.
Wiederentdeckt wird Robert Reitzels (1849 - 1898). In seinem herrlichen Essay berichtet der Sprach- und Lebenskünstler von den Seelenkämpfen eines Kindes und dem Glück, zu rebellieren: 'Aber das Kind weint und lacht und spricht weiter und glaubt an die Welt als an sein Eigentum'.
Matthias Kussmann schließlich erkundet René Schickele und seine 'Blauen Hefte', prophetische Befindlichkeitsbücher von Individuum und Gesellschaft zum Beginn des 3. Reichs.
Womöglich ist autobiografisches Schreiben die Umkehrung des Erzählens fiktiver und konstruierter Geschichten, auch weil der Autor solcher Geschichten an den Leser denkt, der Verfasser eines autobiografischen Textes jedoch vor allem an sich selbst. Das merkt man den, durchweg hervorragend geschriebenen 'Schriftstücken', - wesensbedingt? - an. Nach der Lektüre bin ich satt und hungrig zugleich, hungrig nach echten Geschichten, in denen ich mehr von der Welt und mir finden kann und weniger vom Autor finden muss. Skandale? Keine.
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Allmende-Online finden Sie hier ».
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11.05.05 . Filmmusik ist für Filme das, was für Romane Adjektive und Adverbien sind: sie sagen dem Zuschauer oder Leser, wie er zu empfinden hat.
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08.04.04 . »Jeder Autor hat zuerst fast nur Klischees zur Hand, und die muss er vernichten, Zug um Zug. Irgendwann, ... kommt ein Punkt, wo man erstmals ein kleines Stück Land jenseits der Klischees gefunden hat.«
(Andreas Maier)
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07.04.04 . »Die Genisa ist ein Bücher- und Schriftengrab, das zur Einrichtung jeder Synagoge gehört.
Dort werden Schriftstücke aller Art abgelegt, für die es keine Verwenung mehr gibt.
Kein Schriftstück fällt der Vernichtung anheim. Das verbietet die hohe Achtung vor dem Buchstaben.«
(Manfred Schneider, Von keinem Auge mehr belästigt, in: LITERATUREN 03/2004, S. 82)
Eine höhere Achtung vor dem Buchstaben könnte auch heute nicht schaden.
Andererseits wurde früher weniger Ausschuss produziert. Oder hängt das zusammen?
Bedeutete eine höhere Achtung vor dem Buchstaben nicht auch, dass gerade weniger Ausschuss produziert wird, man sorgfältiger abwägt, was man schreibt?
Wo ist die Grenze zwischen einem Achtung gebietenden Buchstaben und Datenmüll?
Würde es helfen, wenn man sich bei allem, was man schreibt, zunächst fragte: 'Möchte ich das in einer Genisa aufgehoben wissen?'
»Die Bücher in unseren Bibliotheken warten aber nicht mehr auf den Leser und seine Muße. Sie warten auf einen Nutzer. (...)
Das alte Buch ist zur Ruhe gesetzt, es geht, von keiner Hand, von keinem Leserauge mehr belästigt, unberührt in die Zukunft.«
(ebenda)
Wann waren Sie das letzte Mal in einer Bibliothek? Wann haben Sie das letzte Mal ein Buch gestreichelt?
Bevor wir hier in Melancholie ertrinken, rasch ein Link zu zwei großen Online-Antiquariaten: ZVAB und Abebooks.
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07.04.04 . »Die Sprachlosigkeit kann nach Ansicht von Schulleiter Jäger auch Grund für einen steigenden Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen sein.
'Wenn die Worte fehlen, wird zugeschlagen'«
(Miriam Bandar, 'Ich habe fertig mit Goethe', in: BNN Nr. 10/2004)
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05.04.04 . »Die Storys von Romanen sind meist unendlich banal.
Der interessante Punkt sind die Augen, durch die der Autor auf seinen Gegenstand schaut.«
(Christoph Hein, Die riesige Gier nach dem Ich (Interview), LITERATUREN 3/2004, S. 27)
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01.04.04 . »... doch da ich ihn nicht unkenntlich machen möchte durch zu viel Beschreibung ... «
(Siegfried Lenz, Deutschstunde)
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29.03.04 . »Ein Anspruch von Literatur war seit jeher, Begriffe, die allzu selbstverständlich wurden, zu hinterfragen. Andererseits gilt es in der Literatur, Realitäten so zu beschreiben, dass der Gewohnheitsvorhang zur Seite geschoben wird, damit man dahinter schauen kann.«
(Robert Menasse, 'Wir brauchen Ketzer', Interview in DIE ZEIT Nr. 11/2004)
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29.03.04 . In Berlin ist Literatur eine Lebensform, in der Provinz (also überall sonst), ist Literatur etwas zu lesen und zu schreiben.
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24.03.04 . »Die menschliche Bestimmung liegt im Denken, nicht im Handeln. Handeln kann jeder Ochse.«
(Kantonsrat Kohler in: Friedrich Dürrenmatt, Justiz)
Ist literarisches Schreiben dem Denken oder dem Handeln näher?
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23.03.04 . »Die Tendenz, die Gefühle seiner Charaktere zu beschreiben, mag auf mangelndes Selbstvertrauen des Autors zurückzuführen sein.«
(Renni Browne and Dave King, Self-Editing For Fiction Writers, Quill 2001)
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21.03.04 . Ich liebe Fachsprachen. Mein aktueller Lieblingssatz:
»Baskisch ist eine gruppenagglutinierende Ergativsprache mit mehreren Kasusaffixen und einer Reihe von nominalen Adpositionen, die ebenfalls suffigiert werden.«
(gefunden bei der Uni Graz (Humboldt und das Baskische))
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19.03.04 . Früher machte man aus der Not eine Tugend, heute macht man daraus ein Buch.
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18.03.04 . Letzten Montag durfte ich bei Christian Bartels erster abendfüllender Lesung dabei sein - außer mir gaben sich unter anderem die Ehre: ein untoter, VIVA-glotzender Hermann Göring, der Caprisonne trinkende Ballrog Herbert sowie ein aggressiver Rotkehlchenbulle.
Mehr von CB gibt es hier: Das Hanebüchlein. In der Suchfunktion einfach den Namen eingeben (den von CB). Um mit Elke Heidenreich zu sprechen (die bei der Lesung unentschuldigt fehlte): Lesen! Natürlich auch Texte der anderen Autoren.
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10.03.04 . »Wenn der Schmerz zu groß ist, dann hilft keine Prosa mehr.«
(Matthias Politycki, Lese:Zeit, BR, 15.2.04)
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10.03.04 . Den Preis für den schönsten Euphemismus erhält der Vorstandsvorsitzende des Volkswagen-Konzerns Bernd Pischetsrieder für die Aussage:
»Wir werden [Mitarbeiter im Jahre 2004] uns verlassen sehen.«
(tagesschau um 20:00, ARD, 9.3.2004)
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09.03.04 . Die ästhetischen Maximen Anton Czechovs zum Schreiben:
1. Abwesenheit langer Wortergüsse politisch-sozialökonomischen Charakters.
2. Absolute Objektivität.
3. Wahrhaftigkeit in der Beschreibung der handelnden Personen und Gegenstände.
4. Äußerste Kürze.
5. Kühnheit und Originalität; meide das Klischee.
6. Herzlichkeit.
(in einem Brief an seinen Bruder Aleksander von 1886, zit. nach autorinnen.de)
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05.03.04 . Von der Kunst, Kunst zu beschreiben
(Die folgenden Zitate sind einem Flyer der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zu einer Ausstellung von Hetum Gruber (3.4. - 27.6.04) entnommen (ohne Verfasserangabe))
»Unter strengen, selbstgesetzten Regeln des Zeitablaufs entwickelte der Künstler Exerzitien, um das Zeichnen aus der Schlinge des Formschönen und von dem Risiko des Beliebigen zu befreien.
(...) Sie [die Zeichnungen] verdanken ihre Gestalt einzig dem Konzept und der Präzision des Herstellungsverfahrens und sind frei von Bedeutungslast:
sichtbare Spuren einer konzisen Umsetzung von Gedachtem - 'und sonst nichts'.
(...) Vor dem Hintergrund der schriftlichen Formulierungen werden dabei Paradoxien wie diese deutlich:
Persönliche Betroffenheit als Impuls des Kunstmachens und zugleich entschiedene Zurücknahme des Subjektiven;
möglichst genaues Konzipieren in der Vorstellung bei gleichzeitig methodischem Desinteresse am Ergebnis während der Ausführung;
(...) haben sich die Notizen in den Werkbüchern mehr und mehr auf die Bewegung des Denkens konzentriert und einen Eigenwert bekommen.
Die aus hartnäckiger Selbstreflexion entstandenen Handlungsanweisungen sind einer Offenheit des Mediums Sprache gewichen, das sich in der Tradition der Dadaisten, erlaubt, inmitten dialektischer Präzision auch dem Nonsens freien Lauf zu lassen.«
Vielleicht hätte das mit dem Nonsens zu Beginn der Ausführungen stehen sollen.
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03.03.04 . »Manche Autoren genießen das Schreiben. Manche hassen es. Soweit ich es beurteilen kann, besteht kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Vergnügen, das der Autor beim Schreiben eines Buches hatte, und dem Vergnügen, das der Leser bei der späteren Lektüre empfindet.«
(Lawrence Block, Die tödliche Kreuzfahrt, in: Krimis schreiben, Frankfurt am Main 1999)
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28.02.04 . »Nur aus den Einzelheiten können wir das Wesentliche verstehen, so haben es mich die Bücher und das Leben gelehrt.
Man muss jede Einzelheit kennen, denn man kann ja nie wissen, welche wichtig ist, welches Wort hinter die Dinge leuchtet.«
Sándor Márai, Die Glut
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22.02.04 . Ein guter Roman hat keine Botschaft; er ist die Botschaft.
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18.02.04 . »Zuweilen scheint es mir schon, dass es auf die Wörter, die man sagt oder verschweigt oder schreibt, sehr wohl ankommt, wenn nicht sogar ausschließlich auf sie.«
(Sándor Márai, Die Glut)
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14.02.04 . »Das Medium des biblischen Gottes ist das geschriebene Wort.«
(Chaim Noll, Warum ich glaube, in: MUT Nr. 437, Januar 2004)
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09.02.04 . Wenn ein Ghostwriter schreibt, steht am Ende oft gar nichts auf dem Papier. Es war alles nur ein Spuk.
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07.02.04 . »Manchmal muss man gemein sein. (...) Man will auch privat nicht über Leichen gehen. Der literarischen Substanz und Dramaturgie kann solche Rücksicht im Wege stehen.«
(Joseph von Westfalen, Nicht über ihre Leiche, Süddeutsche Zeitung Online, 3.11.2003)
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07.02.04 . Sprachklischees unterlaufen (das ist durchaus zweideutig zu verstehen)
Hart am Klischee schreibt es sich doch am schönsten, wie Gerhard Windscheid in den Badischen Neuesten Nachrichten von heute - man möchte sagen: eindrucksvoll, doch das wäre ein Klischee - bewiesen hat.
Schief und schiefer prallen die Bilder aufeinander, dass sich - was wohl - die Balken biegen.
Überhaupt tummeln sich unter Journalisten die eifrigsten Sprach- und damit Leserquäler. Halt! Was ist mit all den schlechten Hobby-Autoren? Die werden wenigstens nicht gedruckt.
Zur Verteidigung des Autorenkollegen sei gesagt, dass wir von so vielen Sprachklischees und überstrapazierten Phrasen umgeben und durchdrungen sind, dass es höchster Konzentration bedarf, sie abzuwehren.
Wem nie ein Klischee oder ein schiefes Bild aus der Tastatur läuft, der werfe den ersten Stein ins Glashaus.
Doch wenn wir Schreiber uns nicht alle zusammenreißen, wird der Druck (sic!) der Sprachklischees weiter zunehmen und ein Entkommen immer schwieriger.
»Kanzler Schröder zieht die Reißleine (!) und wirft als Parteivorsitzender das Handtuch (!).
Fraktionschef Müntefering hält künftig bei den Sozialdemokraten das Ruder in der Hand (!).«
Und das waren nur die beiden ersten Sätze. Man fragt sich: Wohin fällt das Handtuch, das Schröder, am Fallschirm baumelnd, wirft? Und was rudert Müntefering? Das Flugzeug, aus dem Schröder abgesprungen ist?
»(...) altgedienter Parteisoldat (...) auf den Schild heben wird (...) am Stuhl ... gesägt (...) auf ein historisches Tief abgesackt (...) hagelt es Kritik (...) herrscht bei den Sozialdemokraten Endzeitstimmung (...) ein Abschied ... auf Raten (...) ein Kanzler von Münteferings Gnaden (...)«
Besonders gelungen der folgende Satz:
»Wird es dem sozialdemokratischen Haudegen zu bunt, wird er Schröder in die Wüste schicken.«
Auch nicht schlecht:
»Alle Lobeshymnen der Vergangenheit sind Makulatur, wenn es ums nackte politische Überleben geht.«
Danach fallen dem Autor dann doch ein paar Klischees auf, die er in Anführungszeichen setzt:
»'Genossen der Bosse' (...) 'SPD-Zuchtmeister' (...) Politik 'aus einem Guss'«
Doch der Schluss des kurzen Artikels (54 Zeilen) verwöhnt den aufmerksamen Leser mit einem stimmigen Bild:
»Schon einmal musste Müntefering ... die Kastanien aus dem Feuer holen. (...) Jetzt ist die Lage wieder brenzlig.«
(Zitate aus dem Artikel von Gerhard Winscheid, Abschied von der Spitze (Kommentar), S. 2, Badische Neueste Nachrichten vom 7.2.2004)
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03.02.04 . Romanschriftsteller sind Handlungsreisende.
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03.02.04 . Affen verstehen komplexe Grammatikregeln wie Konjunktiv, Futur Zwei und Plusquamperfekt nicht, wie jetzt Forscher herausfanden.
Auch 'Wenn ... dann'-Konstruktionen übersteigen das Begriffsvermögen des Affenhirns (Science, Bd. 303, S. 380).
Auch in dieser Beziehung sind also die Menschen den Affen näher, als sie es sein möchten. Wer? Die Affen oder die Menschen? Ja.
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25.01.04 . Trivialliteratur ist der Einstieg in die Literatur. Wenn es nur nicht-triviale Literatur gäbe, gäbe es keine Leser.
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22.01.04 . »Wir sind alle Lehrlinge in einem Handwerk, in dem es niemand je zum Meister bringen wird.«
(Ernest Hemingway)
Aber wer es nicht versucht, fängt besser erst gar nicht damit an.
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17.01.04 . Im handwerklichen Teil des Schreibens sollte der Autor nichts von sich preisgeben, im künstlerischen Teil alles: die ganze Wahrheit.
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12.01.04 . Gegen alle Strömungen, Meinungen, Ideologien lässt sich anschreiben – aber wie schreibt man gegen Gleichgültigkeit?
Gibt es Gleichgültigkeit überhaupt? Ist nicht das, was wir dafür halten, eher Stumpfheit, Überfordertsein?
Gegen Stumpfheit hilft schärfen der Sinne, des Verstands, gegen Überforderung hilft Rücknahme.
Der Pessimist ergänzt: Das alles nützt nichts, wird man nicht wahrgenommen.
Der Optimist ergänzt: Versuch es hartnäckig genug und immer wieder. Penetranz ist die Waffe der Waffenlosen.
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12.01.04 . »Er versteht zuviel von der Kunst, um die Wirklichkeit nicht zu unterschätzen, und zuviel von der Wirklichkeit, um die Kunst nicht zu überschätzen.«
(Friedrich Dürrenmatt, Justiz, Zürich 1985)
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07.01.04 . Eine Fußnote ist nur ein Notfuß für den Text.
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07.01.04 . »So schliefen wir miteinander, ohne miteinander zu sprechen, ahnungslos, dass es kein Glück ohne Sprache gibt.
(...)
Mich interessiert Literatur nicht, ich mache selber welche.«
(Friedrich Dürrenmatt, Justiz, Zürich 1985)
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07.01.04 . Wahre Charakterstärke: Viel von einer Sache verstehen und kein Buch darüber schreiben.
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06.01.04 . »Als Beruf gab er Schriftsteller an. Das mochte insofern erstaunen, als er weder einmal etwas veröffentlicht noch je etwas geschrieben hatte.
(...) Er nannte sich nur schlicht einen 'potentiellen Schriftsteller'. (...)
Vielleicht war sein Nicht-Schreiben nicht nur Faulheit, wie es schien, vielleicht steckte die Einsicht dahinter, es sei, im Gegensatz zu den vielen, die produzieren, besser, nichts zu produzieren.«
(Friedrich Dürrenmatt, Justiz, Zürich 1985)
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06.01.04 . »Im Anfang war das Wort (...) und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Wenn das zutrifft, dann bedeutet es die Dreieinigkeit von Gott, Anfang, Literatur.«
(...)
»Die Wahrheit der Literatur kennt viele Wege. Der Weg des Authentisch-Zutreffenden ist der bescheidenste.«
(...)
»Im Anfang war das Wort. Es spielt eine Rolle, und zwar die entscheidende, ob das Wort, der Logos, im äußersten Sinne wahr ist.«
(Ulrich Greiner, Es begab sich aber ..., DIE ZEIT Nr. 1, 22.12.03)
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05.01.04 . »Das Schreiben in alkoholischer Trunkenheit verlangt einen vorsichtigen Stil.
Kurze Sätze. Nebensätze können gefährlich werden.«
(...)
»'Sie werden nicht hoffentlich auch noch Schriftsteller', brummte er.
Warum nicht, Herr Kommandant. Wenn man was zu erzählen hat', antwortete ich.
'Klingt wie eine Drohung.'«
(Friedrich Dürrenmatt, Justiz, Zürich 1985)
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04.01.04 . Habe heute beim 4. Karlsruher Lesefrühstück drei tolldreiste (Slam-)Poeten gesehen und vor allem gehört:
Nora E. Gomringer (2 Gedichte lesen oder hören), Jan Siegert und Christian Bartel (Autor beim Hanebüchlein).
Wenn Sie die Gelegenheit haben, einen der drei zu live zu erleben, ergreifen Sie sie - und lassen Sie bis zum Ende der Veranstaltung nicht mehr los.
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weiter ins archiv: anmassungen 2003
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Erstveröffentlichung © 2004 SW
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